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Vom rechten Schreiben der deutschen Sprache

 


Werbeplakat der Aktion Mensch in neuer Rechtschreibung

 

 

 

Fremdworte und Dehnungen

Groß oder klein

Trennungen am Zeilenende

Scharfes S und andere Buchstaben-Kombinationen

schmerzhafte Trennungen

 

 

Fremde Worte und gedehnte Vokale

Fremdworte, aus anderen Sprachen stammend, dürfen nun so geschrieben werden, wie sie gesprochen werden, heisst es. Sofern sie, häufig gebraucht, nicht mehr als Fremdworte empfunden werden.

Aaah - ja!

Deshalb schreiben wir also weiterhin nicht Geldbeutel, sondern "Portemonaie", hüllen diesen Gegenstand jetzt allerdings für Franzosen in Unkenntlichkeit, indem wir nun "Portmonee" schreiben sollen.
Was ebenso wenig deutscher Rechtschreibung entspricht wie vorher auch, denn dann müssten wir "Portmoneh" schreiben. Die rechtgeschriebene Darstellung einer gesprochenen Dehnung von Vokalen erfolgt im Deutschen mit einem "h" und nicht durch die Verdoppelung von Vokalen. Selbst derart reformiert schreiben wir ja auch nicht "Ooren", sondern nach wie vor "Ohren".

Wobei der Ofen seltsamerweise ohne jegliche Darstellung seiner gedehnten Aussprache auskommt. Aber in Zeiten von Ceranfeldern und Induktionsherden ist ein Ofen ja ohnehin ein antiquierter und veralteter Gegenstand, den man dann eben auch inkonsequenterweise antiquiert und veraltet rechtschreiben darf.

Die Vereinfachung des französischen Geldbeutels besteht also darin, eine französische Vokabel sowohl nach französischen als auch nach deutschen Regeln falsch zu schreiben. Bleibt uns also wirklich nur, derartige Wortschöpfungen auswendig zu lernen.
Schließlich bleibt das Portfeuille uns genau so erhalten, wie es die Franzosen einst schufen, auch wenn es an der Wallstreet sehr aktuell gehandelte Aktien beherbergt und von eingefleischten Bankern kaum noch als fremdes Wort empfunden werden dürfte. Wohingegen eher naturverbundene Otto-Normalverbraucher durchaus überlegen könnten, warum man den DAX nicht zum Tierarzt bringt, wenn er denn mal wieder so "schlecht steht".

Zum Trost dürfen wir den Wehlaut "oh je" nach wie vor ohne reformierte Dehnungshilfen zu Papier bringen, müssen uns beim "je" weder mit zwei "e" noch mit einem "h" herumquälen, um unserer Qual schriftlich wie mündlich Ausdruck zu verleihen.

Nur - wie erklär ich meinem Kinde, dass es das Wort mysteriös wirklich so schreiben kann, wie es dieses Wort gerade spricht?
Misteriös zum Beispiel ist genauso richtig wie müsteriös. Dennoch bleibt es ein griechisches Wort, das korrekt ausgesprochen weder ein Misterium noch ein Müsterium, sondern eben ein Mysterium ist. Und vermutlich auch eines der deutschen Rechtschreibreform bleiben wird - verbleibt doch das Symbol, wie es die alten Griechen wollten beim guten alten Ypsilon. Letzteres bleibt uns ebenfalls als solches erhalten und mutiert nicht zum Üpsillon oder Ipsillon.
Yeah!

Apropos: Denglische Worte hingegen werden nach wie vor auch d/englisch geschrieben. Pezeh sähe ja auch einfach unmöglich aus!


 

 

Groß oder Klein?

Vorbei sind auch die Zeiten, als Schreibweisen noch gleichzeitig subtile Hinweise zur Unterscheidung der Bedeutung, zum Beispiel auf bestimmte Fertigkeiten von Goethes Zeitgenossen und seinen Nachkommen darstellten.

So zeigte "radfahren" einst eine höchst aktive Betätigung an, bei der der Radfahrer in der Lage sein musste, auf einem von selbst nicht stehfähigem zweirädrigem Gefährt das Gleichgewicht zu halten, während er gleichzeitig in die Pedale treten und den Lenker gerade halten musste.
Dagegen handelt es sich beim "Auto fahren" eindeutig um eine (mehr oder weniger) bequem sitzende, körperlich nicht gerade anstrengende Untätigkeit, bei der es vor allem darauf ankommt, die Bedienelemente einer technischen Errungenschaft zu beherrschen. Zugegeben, etwas komplizierter als die Bedienung eines Fernsehers, ansonsten aber völlig unanbhängig von sportlicher Fitness und Kondition und prinzipiell für jeden erlernbar.

Was stellen Sie sich unter einem "schwarzen Brett" vor?
Ein hölzernes Brett, dessen Farbgebung in schwarz gehalten ist? Früher, war das eindeutig so und wenn Sie Ihren Mann zum Einkauf eines schwarzen Brettes schickten, konnten Sie auch sicher sein, dass er mit einem ebensolchen nach hause zurück kam und nicht stattdessen das Schwarze Brett des Baumarktes entwendet hatte.
Heute - darf er getrost mit einer Metallplatte ankommen, auf dem man mit Hilfe von Magneten kleine Notizen anbringt. Auch eine Korbplatte wäre denkbar, hierzu gehören dann statt der Magneten kleine Nadeln, mit denen die kleinen Merkzettelchen in die weiche Platte gepiekt werden. Vor der Reform nannten sich diese Gegenstände "Schwarze Bretter" - die Großschreibung der Farbe grenzte die übertragene von der wörtlichen Bedeutung ab.
Wenn Ihr Sohn seinen Zahnarzt-Termin demnächst also an die Bretter Ihrer schwarzen Regalwand piekt anstatt auf die Korkplatte mit den bunten Pin-Nadeln - dann haben Sie dies der Deutschen Rechtschreibreform zu verdanken und nicht der Begriffstutzigkeit Ihres Nachwuchses. Er hat bei diesem fifty-fifty-Joker lediglich die - aus Ihrer Sicht falsche - Möglichkeit gewählt.
Da hilft wohl nur eins: Kaufen Sie sich eine buchefarbene Regalwand (schwarze sind ohnehin "out") und versteigern Sie Ihr "Schwarzes Brett" bei Ebay. Mitteilungen an Ihre Lieben machen Sie besser nur noch in mündlicher Form, und aus Terminen und Einkaufsnotizen veranstalten Sie ein lustiges Gedächtnistraining.

Während wir früher lediglich bildlich, weil finanziell "auf dem trockenen" saßen, bei Regen uns dagegen ein Plätzchen unter einem Baum suchten, um, durchaus wörtlich "auf dem Trockenen" sitzen zu können - spielt das heute keine Rolle mehr. So oder so - Sie sitzen in jedem Fall "auf dem Trockenen". Wobei man uns damit aber eigentlich doch zumindest schreibend völlig im Regen stehen lässt, finden Sie nicht?

Wirklich einfach ist dagegen die Abschaffung der Höflichkeitsregel in Briefen. Anreden wie "du" oder "ihr" brauchen nicht mehr groß geschrieben zu werden.
Nur noch "Sie" oder "Ihr" haben Anspruch auf Höflichkeitsfloskeln, die ohnehin kaum noch Bedeutung haben - wer hat heutzutage noch Zeit dafür Briefe zu schreiben? Selbst Oma und Opa kriegen eine SMS oder eine Email zum Geburtstag und in diesen Medien bewegt man sich - zeitsparenderweise - gerne auch mit der kompletten Kleinschreibung.


 

 

Trennungen am Zeilenende

Neue Regeln zur Trennung von Worten führen offensichtlich auch zu einer neuen Definition von Sprechsilben, vormals eine sehr einfach zu merkende Stelle für erlaubte Trennungen an Zeilenenden.
Wie sonst erklärt sich die nun mögliche Auftrennung des An-th-ro-po-so-phen in so neuartige "Silben" wie "th"? Auch die Farbe anthrazit darf per an-th-ra-zit ungerührt in ihre Bestandteile zerlegt werden.

Das "h" nach dem "t" dagegen bleibt bei beiden Fremdworten ungeachtet jeglichen Vereinfachungsstrebens weiterhin erhalten. Wohingegen das "h" bei "posthum" auch wunschweise den Weg allen Vergänglichens gehen und einfach verschwinden darf. Das verbleibene "postum" erinnert dann zwar mehr an Post oder Postament, aber die gute alte Post gibts schließlich auch nicht mehr und ein Denkmal sei uns der schöne lateinische Begriff allemal wert.
Getrennt werden darf es übrigens weiterhin zu post-hum, die denkmalige Version dann zu pos-tum.

Das Wort "Popart" dagegen (auch als "Pop-Art" erhältlich), trenne am besten gar nicht, eine "Po-part" könnte nämlich sehr leicht heftigst missverstanden werden.

Seufz. Oder doch lieber "soi-fz"?


 

 

Das scharfe S und andere Buchstaben-Pärchen

Auch hier soll es nun einfacher werden.

Das scharfe S, früher als auch ß oder sz genannt, darf nun nicht mehr sz heissen oder als solches geschrieben werden. Geschrieben wird es nur noch nach langen Vokalen und nach einem Diphtong.

Diphtong darf man übrigens nicht Diftong schreiben, das Ersetzen von ph durch f betrifft nur fremde Worte und zwar nur diejenigen, die phon, phot oder graph in ihrem Stamm haben. Oder einzelne Worte, wie beispielsweise "Delfin".

Das scharfe S gibt es nach wie vor nicht als Großbuchstabe. In Überschriften schreibt man deshalb FUSSBALL, ansonsten aber Fußball, weil langes U.
Very british, eigentlich - auch in Großbritannien kennt man spezielle orthographische Regeln für Überschriften. Hoppala - ich meinte selbstverständlich "ortografische" Regeln.

Ganz so einfach ist es aber trotzdem nicht mit den scharfen S.
Nach kurzen Vokalen steht nämlich durchaus nicht dann konsequenterweise ein schlichtes S oder ss. Nach kurzen Vokalen steht nur dann ein schlichtes einfaches S, wenn es auch vorher schon so geschrieben wurde. Stand dort ein scharfes S, also ein ß, dann steht nach kurzem Vokal nun ein Doppel-S, also ss. Das ss war früher nämlich nur zwischen Vokalen stehend erlaubt.
Sie sind verwirrt?
Dann gibt es die folgende einfache Lösung: wenn Sie nämlich auf einer Tastatur schreiben, die gar kein ß enthält (zB einer aus der Schweiz oder mit englischem Zeichensatz), dann dürfen Sie immer ss schreiben.
Verbannen Sie also ß aus Ihrem rechtschreibendem Gedächtnis und behaupten, Sie hätten Ihre Tastatur von einem amerikanischen Cousin geschenkt bekommen. Oder war es ein Kuseng? Einigen wir uns auf Nichte oder Neffe, dann sind Sie auf der sicheren Seite, ohne ständig mit einem Wörterbuch vor Ihrer Tastatur mit englischem Zeichensatz sitzen zu müssen. Den dadurch freien Platz auf Ihrem Schreibtisch können Sie für eine Tasse Melissentee nutzen, der, egal wie Sie ihn schreiben, eine beruhigende Wirkung haben soll, sofern Sie ihn trinken und nicht nur schreiben.

Eine sehr ausführliche und sehr interessante Ausführung zum Thema "scharfes S" gibt es von Dr. Wolfgang Scheuermann (Uni Heidelberg); er schrieb extra hierfür die sz-Seite. Dort findet sich auch noch die alte Regel, in ihrer ganzen Schlichtheit...


 

 

Schmerzhafte Trennungen

Auch altbewährte Wortverbindungen sollen künftig nun getrennte Wege gehen. Nicht nur mich macht dies tief traurig - bzw. tod traurig, geht es hierbei doch um einen wahrhaft schmerzhaften Abschied.

Nein. Genau diese beiden nicht. Es bleibt alles tief- und todtraurig.

Ansonsten aber gibt es keinerlei tiefer gehenden Ausnahmen, egal wie tief greifend derartige Regelungen auch seien oder wie tief bewegt Sie dies zur Kenntnis nehmen. Noch so tief gründende Argumentationen helfen da leider auch nicht.

Was so lange zusammen gehörte - wird nun dem Erdboden gleich gemacht.

Ich wäre gerne dabei, wenn Sie den obigen Satz laut lesen, gespannt darauf, wie Sie die Worte betonen. Ob es nicht vielleicht doch einfacher war, als wir noch "was so lange zusammengehörte - wird nun dem Erdboden gleichgemacht" schreiben durften?

Lieben Sie Zwei-Deutigkeiten, vor allem die etwas schlüpfrigen?
Nein? Dann sollten Sie aufpassen, bei der neuen rechten Schreibweise nicht hinterher zu hecheln.

Früher hätte man wohl geschrieben, Sie sollen nicht hinterherhecheln - womit zweifelsfrei gemeint war, den Anschluss nicht zu verpassen. Was wir bei der neuen Schreibweise verpassen, bleibt ihrer Phantasie (oder Fantasie) eben so überlassen wie bei Begriffen wie zB "Samen-tragende Pflanzenteile"oder "Hunde-artige Verhaltensweisen". Ob Sie sich nun Grünzeug vorstellen, das säckeweise Samen schleppt oder darüber nach sinnen, wie sich wohl erzogene Yorkshire-Terrier nun verhalten mögen - nichts an der Schreibweise dirigiert Sie in eine vorgegebene Richtung. Sie dürfen getrost alles so missverstehen, wie Sie wollen.

Bleibt nur zu hoffen, dass wir demnächst nicht auch noch früh stücken, wenn wir schon Abend essen müssen. Aber immer noch besser als Kannibalen, die als Nachtisch eine Hand voll Kirschen verspeisen. Wichtig allerdings ist, die Dinge richtig zu stellen - egal, ob Sie eine Vase ins Regal plazieren oder Missverständnisse beseitigen. Wir sollten schließlich nicht immer alles schlecht machen - sondern lieber schön recht schreiben.

Einige hoch gestellte Persönlichkeiten haben eine viel versprechende Rechtschreibresolution erstellt, mit der Sie die Kultusminister der Länder auffordern, die Reform zurück zu nehmen. Niemand scheint mehr wirklich durch zu blicken, jeder Duden zeigt andere Schreibvarianten. Für einen ausführlichen Überblick, empfehlen sich vielleicht besser DVDs oder CD-ROMs, wobei Sie darauf achten sollten, ein Laufwerk zu haben, das selbst gebrannte Scheiben lesen kann. Auch wenn Sie möglicherweise nur das Lesen selbstgebrannter Scheiben als den einzig wahren technischen Vorteil ansehen...


 

 

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